Zum Gedenken an Anna Lehnkering
* 2. August 1915
-
† 7. März 1940
(gefälschtes
Todesdatum †23.April 1940)
„Euthanasie"-Opfer der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft -
sowie zur Erinnerung an
all die Unbekannten, die ihr Schicksal teilten
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Anna 1919
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Vorwort
Im Oktober 2003 stieß ich
zufälligerweise im Internet auf den Namen meiner Tante
Anna Lehnkering. Er stand auf einer
Namensliste von Opfern der nationalsozialistischen
„Euthanasie-Aktion", die nach der Adresse der
Planungszentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin
auch „Aktion T 4" genannt wurde.
Die Namen von mehr als 30.000 Opfern der
Krankenmorde waren von der
Israelischen Vereinigung gegen Psychiatrische
Angriffe ins Internet gestellt worden. Die Liste
basiert auf Dokumenten aus der NS-Zeit, die Anfang der
90er Jahre im ehemaligen Zentralarchiv des Ministeriums
für Staatssicherheit der DDR gefunden wurden, darunter
ca. 30.000 Krankenakten von Patienten und Patientinnen,
die in den Jahren 1940/41 der ersten zentral
organisierten Massenvernichtungsaktion im
Nationalsozialismus, der "Aktion T4", zum Opfer fielen.
Die Namen wurden 2002 in Berlin
öffentlich verlesen. Dahinter stand die Absicht, den
Opfern ihre Namen und damit auch ihre Würde
zurückzugeben. Gleichzeitig wurden die Angehörigen
angeregt, nach dem Schicksal der Ermordeten zu forschen.
Seitdem ich Annas Namen auf der Liste gefunden habe,
versuche ich, den Spuren ihres Lebens nachzugehen, um
ihr Schicksal zu dokumentieren und es damit dem
Vergessen zu entreißen.
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Lesung 16./17./18.12.2002; Berlin, Wittenbergplatz,
Denkmal
„Orte des
Schreckens, die wir niemals vergessen dürfen"
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Text auf dem Lesepult
Im Gedenken an unsere
Schwestern und Brüder, den vergessenen Opfern des
systematischen ärztlichen Massenmords 1939-1948.
54 Jahre nach dem
Ende des systematischen ärztlichen Massenmordes ist
diese deutsch-israelische Gedenkveranstaltung die
erste öffentliche Verlesung einer Liste mit den
Namen von 30.161 der insgesamt ca. 300.000
Mordopfer. Es ist dies die einzige bekannte
Namensliste, die beim Bundesarchiv lagert. Die Namen
der anderen Opfer sind unbekannt, sie werden, als
perfekte Morde begangen, ungesühnt bleiben. |
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Anna ca. 1915
mit ihrer Mutter und den beiden ältesten Brüder |
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bis vor einigen Monaten kannte ich nur deinen Namen und
den noch nicht einmal genau. Für mich warst du Änne, die
früh verstorbene Schwester meines Vaters, die - so hatte
man mir irgendwann erzählt - leicht geistig behindert
gewesen war. Ich hatte seit Jahren neben anderen
Familienfotos ein Bild von dir an der Wand, auf dem du
mit deiner Mutter zu sehen bist - ein etwa
vierjähriges, hübsches, ernsthaft schauendes
kleines Mädchen. Man hatte in der Familie nie viel über
dich geredet.
Das war so, bis ich im Oktober 2003
zufälligerweise im Internet auf deinen Namen stieß.
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La - Le - Names ...
Lehnert, Hans, 1895.09.03. Lehnert, Paul,
1878.05.06. Lehnhardt, Rudolf, 1882.07.18.
Lehnkering, Anna, 1915.08.02. Lehn, Marie
(geb. Kern), ? Lehn, Max, 1868.06.12. ...
List of persons murdered by German medical
doctors between 1939 and 1948 A file for each person exists in the German
State Archive |
Kein Zweifel – 2. August 1915 - der Geburtstag stimmte.
Auf dieser Liste stand dein Name. An jenem Abend las ich
Seite um Seite im Internet – zunächst ungläubig, später
wütend und oft traurig. Es war der Anfang einer langen
Spurensuche, die bis heute andauert.
Die Liste, auf der ich deinen Namen gefunden hatte, war
im Dezember 2002 in Berlin drei Tage lang öffentlich
verlesen worden. Obwohl ich schon seit vielen Jahren in
Berlin lebe, hatte ich nichts davon mitbekommen. Das
Ziel der Lesung war, den anonymen Opfern ihre
menschliche Würde zurückzugeben, indem man unter anderem
die Angehörigen anregte, nach dem Schicksal ihrer
ermordeten Angehörigen zu forschen. Davon habe ich mich
angesprochen gefühlt. Seitdem versuche ich, Spuren der
Erinnerung an dich zu finden.
Natürlich habe ich zuerst die einzigen
Menschen, die noch persönliche Erinnerungen
an dich haben, befragt. Deine beiden jüngeren Brüder,
inzwischen weit über achtzig Jahre alt, erinnern sich
allerdings nur noch bruchstückhaft an Einzelheiten aus der
Vergangenheit.
Die Fakten deiner Biographie lassen sich schnell
zusammenfassen:
Du kamst 1915 als drittes Kind des Heinrich Friedrich
Hermann Lehnkering
und seiner Frau Anna Johanna Helene, geb. Sommer
zur Welt. Du hattest zwei ältere Brüder,
geboren 1911 und 1913. 1920 wurde dein jüngerer Bruder
(mein Vater) und zwei Jahre später dein Halbbruder geboren.
Du bist in Oberhausen Sterkrade im Rheinland aufgewachsen.
Dort hatten schon deine Großeltern eine "gutbürgerliche"
Gaststätte betrieben, genau so wie Onkel und Tante und
später deine Eltern. Deine Brüder erzählen, dass es viel
Arbeit und wenig Familienleben gab.
1921 traf die Familie mit dem Tod deines Vaters ein harter
Schicksalsschlag; du warst 6 Jahre und dein Bruder Fritz
gerade 2 Wochen alt. Eure Mutter heiratete wieder und bekam
1923 noch einen Sohn.
Über die folgenden Jahre berichten deine Brüder
übereinstimmend, dass du ein "sehr liebes, sanftmütiges
Mädchen" warst. Man konnte mit dir spielen und
sich "ganz normal" unterhalten, auch wenn du als Kind
zu einer – damals so genannten – Hilfsschule gingst, weil
dir das Lernen schwer fiel. Zeitweise wurdest du mit anderen
behinderten jungen Mädchen in einer evangelischen
Kirchengemeinde in Oberhausen betreut. Einen Beruf konntest
du nicht lernen. Du hast deiner Mutter im Haushalt geholfen
und bist später zeitweilig den Schwestern im evangelischen
Krankenhaus in Mülheim zur Hand gegangen. Bis zu deinem 19.
Lebensjahr bist du - trotz der Hektik des Geschäftshaushalts
- alles in allem in einer behüteten Welt aufgewachsen.
Ab 1934 änderte sich dein Leben dramatisch. Die zweite Ehe
deiner Mutter war gescheitert. Zu den persönlichen Problemen
kam der
wirtschaftliche Ruin. Deine Mutter musste mit dir und deinen
beiden jüngeren Brüdern das Elternhaus in Sterkrade
verlassen. Im Herbst 1934
seid ihr in eine
kleine Wohnung in die
Düsseldorfer Str. 38
in Mülheim (Ruhr) Saarn gezogen. Der damit verbundene
soziale Abstieg hat deine Mutter schwer belastet.
Nur ein Jahr später - am 2.
November 1935 - wurdest du als angeblich "erbkranker" und
damit "minderwertiger" Mensch im Ev. Krankenhaus der Stadt
Mülheim a.d. Ruhr zwangssterilisiert. Ich vermute, dass du
gar nicht wusstest, was dir geschah. Ein Jahr später - im
Dezember 1936 - wurdest du in die Provinzial- Heil- und
Pflegeanstalt Bedburg-Hau eingewiesen. Es ist heute
nicht mehr zu klären, warum deine Mutter dich drei Tage vor
Weihnachten dorthin brachte. Vielleicht wurde sie dazu
aufgefordert, denn du warst inzwischen ins Visier der
Nazischergen geraten. Vielleicht war ihre Notlage so groß,
dass sie sich nicht mehr ausreichend um dich kümmern konnte
und keinen anderen Ausweg sah.
Wenn ich deine Brüder nach dieser Zeit frage, so ist da in
Bezug auf dich ein schwarzes Loch. Alles, was sie
über die Zeit zwischen 1936 und 1940 wissen, ist, dass du
Anfang des 2. Weltkrieges in einer „Anstalt"
gestorben bist.
Niemand erinnert sich daran, wo du zwischen 1936 und
1940 gelebt hast!
Niemand erinnert sich daran, dich jemals irgendwo besucht zu
haben!
Niemand erinnert sich daran, wo und wie du gestorben bist!
Niemand erinnert sich daran, wo man dich beerdigt hat!
Ich wollte dieses unfassbare Nichtwissen, Vergessen und
Verdrängen verstehen und fand verschiedene Erklärungsmuster:
Mitte der 30er Jahre war die private heile Welt für
deine Brüder zusammengebrochen. Die Scheidung der Eltern war
für die beiden 12- und 14-jährigen Jungen mit dem Verlust
des Zuhauses, Trennung von Freunden und dem sozialen Abstieg
verbunden. Beide erinnern sich an die Armut der folgenden
Jahre und das verzweifelte Bemühen der Mutter, den äußeren
Schein zu wahren.
Möglicherweise haben sie die Erinnerung an dich ganz einfach
verdrängt, weil sie sich dafür schämten, dass ihre Schwester
in einer „Irrenanstalt" war und damit das Stigma der
gesellschaftlichen Minderwertigkeit trug?! Vielleicht waren
sie - wie weite Teile der Gesellschaft - indoktriniert durch
die "Lehre von der Erbgesundheit" (Eugenik, Rassenhygiene),
die als pseudo-wissenschaftlicher Hintergrund für das
verbrecherische "Euthanasie"-Programm der
Nationalsozialisten diente. Scham, Angst und die
Stigmatisierung durch die Gesellschaft als Angehörige eines
"erbkranken" Menschen haben sicher zur Tabuisierung des
Themas in vielen betroffenen Familien beigetragen.
Als eure Mutter 1940 den - wie man heute weiß - gefälschten
Totenschein bekam, waren deine Brüder nicht mehr zu Hause.
Die damals 17- und 19-jährigen jungen Männer kämpften um ihr
eigenes Überleben in einem Krieg, der im Namen derselben
Ideologie geführt wurde, die zu deiner Vernichtung führte.
Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der Familie zwar mal von
Euthanasie
gemunkelt, aber niemand wusste Genaues. Du warst kein
Thema in den Familien deiner Brüder. Vielleicht lag es
daran, dass man in der schweren Nachkriegszeit andere
Sorgen hatte. Deine Neffen und Nichten kannten dich nicht
mehr persönlich. Ich bin zum Beispiel erst sechs Jahre nach
deinem Tod geboren worden. Es kam hinzu, dass die
Diskriminierung behinderter Menschen auch nach dem
Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes nicht zu
Ende war. Während meiner Nachkriegskindheit im Ruhrgebiet
habe ich noch erlebt, wie verbreitet Vorurteile gegen
Behinderte in der Gesellschaft waren und sogar bis in den
alltäglichen Sprachgebrauch von uns Kindern hineinwirkten.
"Du bist wohl reif für (kommst wohl aus) Bedburg-Hau!"
oder "Ab nach Bedburg-Hau!" galten als herabsetzende
Beschimpfungen, ohne dass die meisten wussten, wo dieser Ort
überhaupt lag. Der Begriff Bedburg-Hau war ein Synonym
für "Irrenanstalt". Als mir der Name 2003 nach vielen
Jahren zum ersten Mal wieder im Zusammenhang mit dir, liebe
Anna, begegnete, fiel es mir siedendheiß ein.
Es bleibt festzuhalten, dass die Aufarbeitung der
"Euthanasie"-Verbrechen in der deutschen
Nachkriegsgesellschaft insgesamt weitestgehend verschwiegen
und verdrängt wurde. Wie man sehen kann, war unsere Familie
keine Ausnahme. |
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Anna mit ihrer
Mutter ca. 1919 |
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Anna
Lehnkering, etwa 3 Jahre alt |
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Rassenhygiene (Eugenik):
Nach 1860 in England von Francis Galton als Eugenik
bezeichnete Lehre von der Förderung des Erbguts. Die in
Deutschland von Alfred Ploetz und Wilhelm Schallmeyer
nach 1890 mit einer radikaleren Zielsetzung unter dem
Begriff Rassenhygiene propagierte Steuerung der
Fortpflanzung durch "Auslese" und "Ausmerze" bereitete
bei den deutschen Ärzten den Boden für die Akzeptanz der
nationalsozialistischen Gesundheits- und
Bevölkerungspolitik, die mit Zwangssterilisation und
Heiratsverboten begann und im "Euthanasie"-Programm und
Völkermord endete.
Quelle:
http://www.holocaust-education.de/?&lp=de
http://de.wikipedia.org/wiki/Eugenik |
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Anna (links)
mit einer Gruppe behinderter junger Mädchen,
die Anfang
der 30er Jahre vermutlich von der Ev. Kirche in
Oberhausen/Sterkrade betreut wurde
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Anna in
der Eingangstür zum elterlichen Restaurant in
Oberhausen Sterkrade
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Anna (ca.
17 Jahre)
mit einer Freundin |

Anna (ca. 1932/33)
hinten Annas Bruder Fritz |

Anna ca.
1935 vor dem Ev. Krankenhaus,
Mülheim/Ruhr, Ort ihrer Zwangssterilisation |
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Liebe Anna, mein
Wissen über dich bis zu jenem Tag
im Oktober 2003 bestand also mehr oder minder aus
einigen biographischen Fakten. Mit Hilfe des Internets
ging ich auf Spurensuche. Ausgangspunkt für die Suche
war der Satz:
A file for each person exists in the German State Archive.
Dein Schicksal von 1936 bis 1940 ist im
Bundesarchiv in Berlin
unter der Nummer
R 179/3368
archiviert.
Ich forderte deine
Patientenakte an und bekam nach einigem
bürokratischen Hin und Her eine Kopie, die aus dem
Krankenblatt und der Sippentafel besteht.
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Ein Blick auf die Sippentafel macht klar, dass
man sich eines perfiden Systems von Denunzianten bedient
haben muss, um Informationen über dich und deine
Angehörigen zu sammeln. Nach den nationalsozialistischen
Rassegesetzen gehörtest du zu den „minderwertigen"
und „lebensunwerten" Menschen. Unvorstellbar! Im
Interesse der "Höherentwicklung der eigenen Rasse"
sollten geistig und körperlich Behinderte,
„Erbkranke" und andere Randgruppen zunächst erfasst
werden, um sie dann später auszulöschen.
Man hatte
akribisch
Informationen über deine Großeltern, Eltern, Brüder,
Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen gesammelt, um so die
Minderwertigkeit deiner Sippe zu belegen. Mein Vater
erinnert sich daran, dass man schon Anfang der 30er
Jahre versucht hatte, in der Nachbarschaft Informationen
über euch zu sammeln. Deine Mutter und Tante hatten sich
damals sehr darüber erregt, dass in eurer Umgebung
„merkwürdige" Fragen über dich und die Familie gestellt
wurden. Das Ergebnis dieser Bespitzelungen kann man in
der mit medizinischen Begriffen gespickten und so
pseudowissenschaftlich getarnten Sippentafel der Prov.
Heil-und Pflegeanstalt Bedburg-Hau (Kr. Kleve)
nachlesen, die von dem Oberarzt Dr. Schnitzler und dem
Anstaltsarzt Dr. Winkel abgezeichnet wurde.
In der Sippentafel sind 24 Personen erfasst. In
der Rubrik Körperbautypen und Rassemerkmale
finden sich „athletische, pyknische, leptosome, dynaplastische, fälische, westische und nordische"
Menschen.
Übrigens bist du nicht die einzige mit einem Makel
behaftete Person in dieser Sippentafel. Es gibt auch
Trunksucht zu vermerken und damit ebenfalls ein Fall von
„Minderwertigkeit". Die Auflistung der
Charaktereigenschaften dieser Sippe würde eher zum
Lachen reizen, wenn der Anlass nicht so traurig wäre.
Die höchst willkürliche Aufzählung, die überwiegend auf
Hörensagen beruht, reicht von „liederlich,
überschwänglich, still, euphorisch, hyperästhetisch,
zurückgezogen, schwunglos, leichtsinnig"
bis hin zu „gutmütig und intelligent".
Ein Familienmitglied zeigt seinen Charakter dadurch,
dass er angeblich das Vermögen seiner Frau durchbrachte.
Ein anderer wird als kriminell bezeichnet (ohne
irgendeinen Nachweis, worauf sich der Eintrag stützt).
Auch dies ist ein Fall von übler Nachrede, wie deine
beiden Brüder heute sagen. Selbst Linkshändigkeit wird
in der Rubrik Charaktereigenschaft vermerkt. Der
Charakter eines Cousins, damals Schauspielschüler, wird
als "etwas eigenartig" beschrieben.
Egal, wie wahr oder unwahr diese Eintragungen sind,
unsere Familie war und ist sicher nicht anders als viele
andere Familien – eine bunte Mischung aus sehr
verschieden aussehenden Individuen mit höchst
unterschiedlichen Fähigkeiten und Neigungen. Nicht
nachvollziehbar ist, dass ein solcher Unsinn von Ärzten
unterzeichnet worden war.
Wenn die Sippentafel aus heutiger Sicht eher lachhaft ist, so ist es dein Krankenblatt nicht. Ich kann daraus entnehmen, dass man 1935
im Ev. Krankenhaus der Stadt Mülheim a.d. Ruhr das
„Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses"
an dir vollstreckt hat. Das liest sich in deiner Akte so: Unfruchtbarmachung ausgeführt am 2.11.35.
Das Mülheimer Krankenhaus ist ein schicksalhafter Ort für
dich. Ein Jahr nach deiner Zwangssterilisation bist du - diesmal wegen einer
Nierenerkrankung - wieder Patientin dort. Kurz nach deiner Einlieferung führt
der Arzt Dr. Müller ein Gespräch mit dir und deiner Mutter. Er
konstatiert, dass du ruhig und verträglich bist, allerdings sei Anstaltspflege
notwendig wegen mangelnder häuslicher Pflege, weil bei ungeeigneter Aufsicht
jegliche Nahrung abgelehnt werde. Zu dem Zeitpunkt lebst du mit deiner
Mutter und deinen beiden Brüdern gemeinsam in einem
Haushalt. Dein Bruder kann sich nicht erklären, worauf
solche Unterstellungen beruhen. Auf jeden Fall liegt der Verdacht nahe, dass die
Gesundheitsbehörden informiert wurden, denn gleich nach deiner Entlassung aus
dem Krankenhaus erfolgt deine Einweisung
in die
Provinzial-Heil-u. Pflegeanstalt Bedburg-Hau (Kr.
Kleve am Niederrhein).
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Im Krankenblatt ist zu lesen, dass du am Montag, den 21. Dezember 1936 - also
drei Tage vor Weihnachten - in die Heil- u.
Pflegeanstalt Bedburg-Hau aufgenommen wirst. Du bist
in Begleitung deiner Mutter. Es heißt bei der Aufnahme: "Ist ruhig, still.
Gibt auf Fragen Antworten. Wirkt schwachsinnig." Wirkt schwachsinnig! - wie verräterisch
Sprache sein kann.
Vielleicht hättest du dich anders verhalten und
dich laut und heftig gewehrt,
wenn du gewusst hättest, dass deine Mutter ohne dich nach Hause fahren würde,
dass du nie wieder Weihnachten zu Hause feiern würdest. Aber du bist ja (lt.
Akte) ein verträglicher Mensch und du kannst nicht
wissen, dass an diesem 21. Dezember 1936 dein Sterben beginnt. Bis zu deiner
endgültigen physischen Vernichtung werden noch ungefähr drei Jahre und zwei
Monate vergehen.
Bei der Aufnahme in Bedburg-Hau musst du dich einer so genannten „Intelligenzprüfung" unterziehen,
welche die Diagnose "angeborener Schwachsinn" untermauern soll. Alles in allem finde ich, dass du in dieser Stresssituation (eine Prüfung in fremder Umgebung) ganz gut abgeschnitten hast. Laut Akte
antwortest du sehr langsam und nach
längerem Überlegen auf die gestellten Fragen.
Überhaupt attestiert man dir, dass du während der
gesamten Prozedur ruhig und
verträglich bist.
Zwei Tage nach deiner
Aufnahme wird ein körperlicher und psychischer Befund erhoben. Du wirst
vermessen und körperlich untersucht. Man stellt fest: du bist 1,75 m groß und 66,5 kg schwer.
Der körperliche Befund ist in allen Bereichen o.B.
Der psychische Befund ergibt, dass du zeitlich, örtlich und persönlich
orientiert bist. Nach der höchst fragwürdigen Intelligenzprüfung lautet die Diagnose für deine Krankheit:
angeborener Schwachsinn, verbunden mit dem Zusatz erbkrank. Vielleicht würde man dich heute als lernbehindert bezeichnen. Mein Vater erinnert sich daran, dass man in der Familie als Grund für deine Behinderung angab, ein Nachbarsmädchen hätte dich als Säugling fallen lassen. Diese Theorie wird durch die Eintragung in deinem Krankenblatt „Normale Entwicklung im Kindesalter. Lernte mit 1 Jahr gehen" möglicherweise bestätigt.
Es kann aber auch sein, dass deine Familie einfach nicht wahrhaben wollte, dass
du von Geburt an geistig behindert warst. Deine Stigmatisierung als Trägerin
"erblicher Minderwertigkeit" traf in einer von Vorurteilen gegen Behinderte
geprägten Umwelt natürlich auch die als "normal" eingestuften Verwandten.
Übrigens wurde der
Arzt Dr. Winkel, der deine Aufnahmepapiere
unterzeichnete, später Direktor der sogenannten
Zwischenanstalt Galkhausen, von wo aus viele Menschen in
die Gaskammern transportiert wurden. Nach Einmarsch der
Amerikaner Ende April 1945 beging er Selbstmord - ob aus
Angst oder Scham sei dahingestellt.
Zwischen Dezember 1936 und Februar 1940 gibt es etwa 30
Eintragungen in deiner Krankenakte. Sie sind in einer
unsäglichen Sprache verfasst, die weit entfernt von dem
ist, was wir heute unter einer medizinischen Fachsprache
verstehen. So wirst du beispielsweise als albern
und läppisch beschrieben. Trotz der ideologisch
verzerrten Sicht auf dich kann ich hinter den Zeilen
lesen, wie verzweifelt du gekämpft und gelitten hast.
Aus den Eintragungen in deiner Krankenakte ist zu
schließen, dass du eine "schwierige" Patientin warst.
Zwischen 1937 und 1940 wirst du insgesamt zehnmal
verlegt.
Die meisten Eintragungen sind in zunehmend unleserlicher
Sütterlinhandschrift gemacht, so als ob es der Mühe
zu viel wäre, etwas über dich zu schreiben. Am 28.
Dezember 1936 - eine Woche nach deiner Einweisung - ist
zu lesen: "... Weint oft vor sich hin. Beschäftigt
sich kaum." Später lässt sich mühsam entziffern,
dass du meist abweisend und wenig folgsam bist,
nur
im Bett liegen willst, den Kopf auf dem Tisch liegen
lässt, antriebslos und weinerlich bist, dich
hängen lässt, zum Essen, zur Sauberkeit und Ordnung angehalten
werden musst. Du bist weder im Schälkeller noch in der
Feldkolonne zu gebrauchen - schlimmer noch -
angeblich hetzt du die anderen Kranken
zur Nichtarbeit auf. Man spricht dir jeden Gesundungswillen ab
und behauptet, dass du uneinsichtig für deine
Krankheit seiest. Du wirst als mürrisch,
querulierend, unzufrieden, schwierig
und als lästig!!! beschrieben. Immer
wieder ist zu lesen, dass du "in uneinsichtiger
Weise" auf Entlassung drängst, dass du weinst und nach
Hause verlangst.
Im Januar 1939 sind deine
Pellagra-Krankheit und eine Rohkostbehandlung in
der Krankenakte
vermerkt. Ich hatte von dieser Erkrankung noch nie
gehört. Kein Wunder - denn heutzutage tritt Pellagra
nur noch in armen Gegenden Afrikas auf oder bei extremer
Fehl- bzw. Mangelernährung. Jetzt verstehe ich, warum es
einige Wochen vorher heißt: ... nimmt den Mitkranken
das Essen weg.
Im November 1939 wird geschrieben, dass du dich
bemerkbar machst, lärmst, schreist und
plärrst
(welche Menschenverachtung spricht aus diesem Wort!). Ich verstehe das als letzte verzweifelte Hilferufe.
Deine Brüder haben dich als sanftmütig und lieb beschrieben - du bist nicht mehr wieder zu
erkennen. Was hat man nur in dieser "Heil- und
Pflege“-Anstalt mit dir gemacht?
Weder du noch deine Familie ahnen zu diesem Zeitpunkt,
dass Hitler bereits verfügt hat, man könne
unheilbaren Kranken den "Gnadentod" (Euthanasie)
gewähren. Im Rahmen der "Aktion T4’’’ werden in
Folge alle Heil-und Pflegeanstalten „planwirtschaftlich“ erfasst
und erhalten zu „statistischen“ Zwecken Meldebögen nebst
Merkliste, anhand derer die Patienten und Patientinnen
später zur Tötung ausgesucht werden.
Du erfüllst die Selektionskriterien deiner Mörder
perfekt: Dein Leiden gilt als unheilbar, du bist
eine unruhige Kranke - aber vor allem - du
leistest keine produktive Arbeit. Damit bist du
im Sinne der NS-Ideologie ökonomisch unbrauchbar,
ein nutzloser Esser, der als lebensunwerter
Mensch zur Vernichtung, - schlimmer noch - zur „Ausmerze“
freigegeben werden kann.
So genannte "Gutachter" und "Obergutachter" im fernen
Berlin entscheiden in einem bürokratischen Akt über
Leben und Tod. Es sind „ehrenwerte" Mitglieder
der Gesellschaft (dazu gehören Ärzte, Hochschullehrer
und Anstaltsleiter). Auf deinem Meldebogen wird mit
Rotstift ein Plus (+)
eingezeichnet. Damit ist dein Tod besiegelt. Ein blaues
Minus (-)
hätte Leben bedeutet. Deine „Richter“ kennen weder dich
noch deine Akte.
Am 24. Februar 1940 gibt es die letzte Eintragung auf
deinem Krankenblatt. Es sieht so aus, als ob du nicht
nur seelisch, sondern auch körperlich am Ende bist:
"... Geht seit einiger Zeit körperlich zurück, fiebert
wechselnd, hustet, ... hat sehr blasse graue
Gesichtsfarbe". Die Eintragungen mit den Worten:
"... wegen Verdacht auf Lungentuberkulose
verlegt nach
..." (der Rest ist unleserlich).
Natürlich wollte ich wissen, wohin du verlegt wurdest.
Also ging meine Spurensuche weiter. Am 12. Januar 2004
bekam ich auf Anfrage aus Bedburg-Hau folgende
bürokratische Nachricht:
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Sehr geehrte Frau Falkenstein,
in Beantwortung Ihrer E-Mail teilen wir Ihnen
mit, dass Ihre Tante, Frau Anna Lehnkering, am
21.12.1936 in die RK Bedburg-Hau aufgenommen
wurde. Am 06.03.1940 wurde sie nach Grafeneck
verlegt, wo sie am 23.04.1940 verstarb. |
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Auszug aus der "Intelligenzprüfung"
bei der Aufnahme in Bedburg-Hau
Rechenaufgaben
Rechnen ist nicht deine Stärke. Du sagst selbst
während des Tests: „Rechnen konnte ich
immer schlecht."
Bei den Aufgaben 2 x 6 = ? und 10 : 2 = ?
versagst du.
Aber immerhin rechnest du richtig: 2 x 4 = 8
und 5 + 7 = 12
Wissensfragen
Ich finde, dass du gute Antworten gibst.
Auf die Frage wo Köln liege, antwortest du, dass
das doch im Rheinland liege.
Als deutsche Flüsse nennst du die Ruhr und den
Rhein.
Du bezeichnest Adolf Hitler als „Oberpräsidenten"
und erwähnst in dem Zusammenhang Hindenburg,
„der ja tot ist."
Du weißt, wann Weihnachten ist, nämlich „Donnerstag
ist Heiligabend." (Ich habe inzwischen im
ewigen Kalender nachgeschaut, es stimmt, im Jahr
1936 war Heiligabend wirklich an einem
Donnerstag).
Auf die Frage, was Weihnachten bedeute,
antwortest du: „Wir feiern die Geburt
Christi."
Unterschiedsfragen
Auch die meisterst du gar nicht so schlecht.
Auf die Frage, was der Unterschied zwischen
einem Zwerg und einem Kind sei, antwortest
du:
„ Kinder gehen zur Schule und spielen,
Zwerge haben Zipfelmützen auf."
Den Unterschied zwischen einer Treppe und einer
Leiter benennst du so: „Bei einer
Treppe kann man sich am Geländer festhalten,
eine Leiter muß man aufstellen." |
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1938 - lästig, ... |
Du wurdest "verlegt", du "verstarbst" - welch
beschönigende Worte für das, was dann geschah! Im März
1940 begannen die
Massendeportationen aus Bedburg-Hau. Du warst
eine von 1.632 Patienten, die innerhalb von 4 Tagen
„verlegt" wurden. Man musste Platz für ein
Marinelazarett schaffen, denn es war Krieg. Für
„Ballastexistenzen" wie dich war in der
Kosten-Nutzen-Rechnung des Staates kein Platz mehr.
Man deportierte dich und über 300
Frauen und Männer am 6. März 1940 nach
Grafeneck in der Gemeinde Gomadingen, gelegen in der Nähe von
Münsingen auf der Schwäbischen Alb.
Sicher musstet ihr früh aufstehen an diesem Mittwoch im
März, denn Grafeneck mehr als 500 km von Bedburg-Hau
entfernt. Die Fahrt in den Bussen der „Gemeinnützigen
Krankentransport-Gesellschaft" (GEKRAT) dauerte endlos
lange Stunden.
Wie oft habe ich die Fahrt in den Süden entlang des
malerischen Rheintals gemacht, ohne von dir zu wissen. Heute
sind meine Gedanken bei dir in diesem Bus, und ich weiß
nicht, ob ich diese Strecke jemals wieder unbefangen fahren
kann.
Habt ihr während der Fahrt geredet? Hoffentlich gab es
niemanden, der ahnte, was auf euch zukam, sich wehrte oder
seine Angst herausschrie. Die Vorstellung, dass du
stundenlang in Panik in diesem Bus gesessen haben könntest,
ist unerträglich.
Ihr konntet noch nicht einmal einen Blick nach draußen
werfen, denn die Fenster der grauen Busse waren mit
Tarnfarbe zugestrichen, um die „menschliche Fracht" vor den
Blicken Außenstehender zu verbergen. Hast du in den vielen
Stunden in diesem Bus-Gefängnis ein „Guckloch" in die Farbe
gekratzt, wie manch andere es taten? Oder hattest du dich in
dein Schicksal ergeben, weil dich die letzten Jahre in
Bedburg-Hau bereits demoralisiert und gebrochen hatten?
Vielleicht dachtest du aber auch wie viele andere Patienten,
dass man dich in eine andere Anstalt verlegen würde.
Eingesperrt und von der Außenwelt völlig isoliert seid ihr
durch schwäbische Dörfer gefahren, in denen Menschen, die
das Grauenvolle ahnten, den gespenstischen grauen Bussen
beklommen hinterher schauten. Auf dem letzten Wegstück zu
dem abgelegenen Schloss Grafeneck ging es durch einen Wald
steil bergauf. Aber auch wenn ihr durch die Scheiben hättet
sehen können, der Blick auf das Schloss war euch verwehrt.
Vorbei an bewaffneten Männern mit Hunden fuhrt ihr durch ein
Brettertor direkt zu der „Euthanasie"-Anlage. Es handelte
sich um ein Barackengelände, das von einem bis zu 4 m hohen
Bretterzaun, verstärkt mit Stacheldrähten, umgeben war. Man
wollte damit verhindern, dass die Menschen aus der Umgebung
den Tötungsschuppen mit der Gaskammer und das, was in der „Mordfabrik"
vor sich ging, sahen. Aber
man konnte trotz der Heimlichtuerei nichts dagegen tun, dass
sich ein
süßlich-brenzliger Geruch über der Gegend verbreitete. Hast
du ihn wahrgenommen - diesen Geruch des Todes aus den
Krematorien?
Sicher bist du benommen und vielleicht auch hungrig und
durstig nach der langen Fahrt aus dem Bus gestiegen. Fremde
Menschen kamen auf dich zu, die vermutlich in barschem Ton
mit dir redeten. Ich nehme an, dass die fremde Umgebung dir
Angst machte. Jemand fragte nach deiner Nummer. Wusstest du
sie noch, oder musste man sie von deinem Rücken, Nacken oder
Arm ablesen? Dorthin war sie mit Tintenstift geschrieben
worden, als man dich am Morgen in Bedburg-Hau abgeholt
hatte. Für die Mörder und ihre Komplizen warst du nicht mehr
Anna Lehnkering – du warst nur noch eine Nummer, die Nummer,
die auf deiner Krankenakte stand und die man später auch auf
deiner Urne einstanzen würde.
Gleich nach der Ankunft wurdest du mit den anderen in die
Aufnahmebaracke geführt, wo ihr von Schwestern ausgezogen,
gemessen, gewogen, fotografiert und dann zur Untersuchung
gebracht wurdet. Die Untersuchung durch den Arzt war eine
Farce – sie dauerte weniger als eine Minute.
Der erste Kriegswinter 1939/40 war extrem kalt. Nach der
Aufnahmeprozedur hattet ihr nicht mehr viel an. Du musst
gefroren haben an diesem Vorfrühlingstag, als du
halbnackt am Krematorium vorbei zu dem als „Duschraum"
getarnten Todesschuppen
gingst.
Das, was nun folgt, ist so furchtbar, dass
sich alles in mir gegen diese Bilder
sträubt. Aber auch wenn es sich der
Vorstellungskraft und dem Begreifen
entzieht, so glaube ich doch, dass wir die
Augen davor nicht verschließen dürfen.
Die Landeszentrale für politische
Bildung in Baden-Württemberg hat in der
Broschüre
„Euthanasie" im NS-Staat: Grafeneck im Jahr
1940 die
Geschehnisse und ihre Hintergründe
dokumentiert. Es ist ein Versuch, der
heutigen Generation das Unvorstellbare
begreifbarer zu machen, damit wir alles in
unserer Macht Stehende tun, um Menschen
daran zu hindern anderen Menschen so etwas
anzutun. |
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"Die Tötung erfolgte durch Kohlenmonoxidgas,
das der Anstaltsarzt durch Bedienen eines
Manometers in den Vergasungsraum einströmen
ließ. ...
Beim Betreten des Vergasungsraumes wurden
die Kranken, maximal 75 Personen, nochmals
gezählt, sodann die Tore geschlossen.
Anfangs schienen einige Opfer noch geglaubt
zu haben, es gehe tatsächlich zum Duschen,
andere begannen sich im letzten Augenblick
zu wehren und schrien laut. Die Zufuhr des
Gases betrug in der Regel ca. 20 Minuten;
sie wurde eingestellt, wenn sich im
Vergasungsraum keine Bewegung mehr
feststellen ließ. Daß Ärzte, die in nicht
einmal einem Jahr über 10 500 Menschen durch
Vergasung töteten, bei diesem Vorgang
abstumpften und darüber zynische Bemerkungen
wie "Jetzt purzeln sie schon" machten,
verwundert nicht. Geraume Zeit nach der
Vergasung öffneten Hilfskräfte, die
Gasmasken trugen, die Flügeltore. Ihnen bot
sich in der Regel ein schrecklicher Anblick:
Die Körper der Toten und der Boden waren mit
Stuhl, Menstruationsblut und Erbrochenem
beschmutzt, manche Leichen waren ineinander
verkrallt und mußten mit Gewalt voneinander
getrennt werden.
Dasjenige Personal, das die Krematoriumsöfen
bediente, deshalb manchmal auch "Brenner"
genannt wurde, war auch zuständig für den
Abtransport der Leichen zu den Öfen bzw. zu
einer Zwischenlagerung, vermutlich im
"Reitzirkel" der Anlage. Vorher wurden den
mit einem Kreuz bezeichneten Patienten die
Goldzähne ausgebrochen und bei der
Verwaltung abgeliefert; das so gewonnene
Rohmaterial wurde sodann bei Degussa zu
Feingold verarbeitet.
Nach der Verbrennung wurden verbliebene
Knochenreste aus den Öfen genommen und in
eine Knochenmühle gegeben. Von Grafeneck ist
auch bekannt, daß ein Angestellter
Knochenstücke mit einem Hammer verklopfte.
Man gewann daraus Knochenmehl, das man, mit
Asche vermischt, in Urnen an die Angehörigen
verschickte."
(aus: "„Euthanasie"" im NS-Staat: Grafeneck
im Jahr 1940, Historische Darstellung,
Didaktische Impulse, Materialien für den
Unterricht) Bausteine: Texte und
Unterrichtsvorschläge, Stuttgart, 2000
Download als PDF-Dokument 1MB
siehe auch ®
http://grafeneck.finalnet.de/ |
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Weit über 10.000 Menschen - darunter du, Anna - wurden in
Grafeneck vergast und anschließend verbrannt. Dazu kamen
mehr als 200 000 Opfer in Brandenburg, Hartheim, Pirna,
Bernburg und Hadamar. Das war kein „Gnadentod",
sondern grausamer Massenmord. Eine sachliche
Auseinandersetzung mit dem Thema „Euthanasie"" wurde durch
diese Pervertierung für Jahrzehnte in Deutschland unmöglich
gemacht.
Ich habe den "Trostbrief", den deine Mutter erhalten hat,
nie gelesen. Ich kann sie nicht mehr fragen, ob er ein
wirklicher Trost für sie war. In ihren Unterlagen fand sich
nach ihrem Tod nur ein kleiner Zettel, auf dem sie notiert
hatte:
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Meiner lieben unvergesslichen Tochter Änne,
gestorben 23.4.1940 (nachts 2 Uhr)
Sterbeurkunde Bauchfellentzündung.
Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal,
haltet aus im Gebet.
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Graue Busse der Tarnorganisation Gekrat
Foto: Archiv Gedenkstätte Grafeneck
Fotos von Grafeneck
aus dem Jahr 2006 |
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Einige Wochen, nachdem ich den Brief an Anna geschrieben
hatte, las ich zufälligerweise den Gedichtzyklus
"Gedanken von Unterwegs" von B. Lipinska-Leidinger
(Regisseurin des Films „Transport
in den Tod". Ich fand darin meine Gedanken und
Gefühle in bewegenden Worten widergespiegelt. |
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Barbara Lipinska-Leidinger
Gedanken von Unterwegs -
Die
Fahrt
Welche Landschaften
habt ihr gesehen
unterwegs
die Fenster waren zugestrichen
damit man Eure Gesichter nicht sieht
welche Bilder von Euch kann ich zeigen
Eure Gesichter
ich versuche,
sie festzuhalten
stoppe den alten Propagandafilm
drehe den Ton ab
Ihr fangt zu sprechen an
Ihr fragt
Wohin fahren wir
ich weiß es
ich will mit
ich steige vorher aus
ich kann nicht anders
Die
Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher
Genehmigung
der Autorin. |
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Grafeneck
Von grauen
Bussen mit Milchglasfenstern,
süßlichem Rauch überm Schloß, den der
Herbstnebel in die Dorfstraßen drückte, kündet hier
nichts.
Kameradschaftstreffen von Mussolini's
Monte-Rosa-Divisionen im Ehrenhain nebenan.
Nichts von Versteckten, vom ängstlichen Geflüster in
den Ortschaften, von dem verzweifelten Geflüster im
Bezirk, das anschwoll, bis die Öfen endlich
stillstanden.
© Text: Bernd Storz,
Foto:
Klaus Diegel
Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher
Genehmigung von Klaus Diegel.
Grafeneck: Ehemaliges
Jagdschloss auf der Schwäbischen Alb aus dem 16.
Jahrhundert. Über 10000 Behinderte wurden hier
ermordet und verbrannt. Mitte der 80er Jahre
wurde in der Nähe ein Gedenkstein für Gefallene
der faschistischen Monte-Rosa-Divisionen
Mussolinis errichtet - trotz Protesten aus der
Bevölkerung. |
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Gebäude in Grafeneck,
in das die Gaskammer eingebaut wurde
Foto:
Archiv Gedenkstätte Grafeneck
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Vergasungsraum in
Grafeneck
Foto:
Archiv Gedenkstätte Grafeneck
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Heute weiß ich, dass die Todesursache und der
Todeszeitpunkt
von eigens dazu eingerichteten
"Trostbrief"-Abteilungen
falsch eingetragen wurden, um die Öffentlichkeit nicht
misstrauisch zu machen und die Massenmorde zu verschleiern.
Es ist also unwahrscheinlich, dass du erst am 23. April 1940
gestorben bist, da man dich bereits am 6. März in
Bedburg-Hau abgeholt hatte und die Kranken - laut Zeugenaussagen
- laufend bei ihrem Eintreffen in Grafeneck getötet wurden.
Gut, dass deine Mutter nicht mehr erfahren hat, dass man für
jeden Toten etwa drei Kilogramm Knochenmehl mit beliebigen
Aschebeimischungen berechnet hatte, die man den Angehörigen
auf Wunsch in Urnen aus Metall zuschickte. Zynischerweise
wurden die Kosten für die Übersendung aus
Reichsausgleichsmitteln bezahlt; die Angehörigen mussten „nur"
die Kosten der Beisetzung übernehmen. Vermutlich hat deine
Mutter - aus welchen Gründen auch immer - deine sterblichen
Überreste nie erhalten. Der familiäre
Verdrängungsmechanismus ging so weit, dass bis heute niemand
weiß, wo du beerdigt wurdest. Meine diesbezüglichen
Recherchen bei den Mülheimer Friedhofsämtern waren
erfolglos. Also liegt die Vermutung nahe, dass du eine von
den vielen Toten bist, deren Asche anonym in den Urnengräbern von
Grafeneck begraben wurde.
Es hat viele Jahre gedauert, bis die Menschen angefangen
haben, euer Schicksal zu dokumentieren. Seit einigen
Jahren gibt es eine
Gedenkstätte in Grafeneck,
deren Zweck das Gedenken an die
Opfer, das Bewahren der Erinnerung und das Mahnen zu
Menschlichkeit und Verantwortung (Auszug aus der
Satzung) ist.
Natürlich habe ich mich auch mit den Initiatoren dieser
Gedenkstätte in Verbindung gesetzt. Leider musste ich
erfahren, dass dein Name in dem Gedenkbuch für die Opfer
fehlt. Es enthält etwa 8.000 Namen, jedoch sind die Namen
der Opfer aus Bedburg-Hau nicht darunter, da sich die
Archive bis heute nicht in der Lage sahen, die Namen der
Gedenkstätte Grafeneck zu übermitteln.
Ich
bemühe mich darum, dass dein Name und die Namen deiner
Schicksalsgenossen aus Bedburg-Hau endlich in das Gedenkbuch
aufgenommen werden.
Gebt den „Euthanasie"-Opfern aus
Bedburg-Hau endlich ein Andenken im Namensbuch der
Gedenkstätte Grafeneck!
Liebe Anna, du warst 24 Jahre alt – so alt wie meine älteste
Tochter heute - als Menschen dich im Namen einer
menschenverachtenden Ideologie ermordeten. Du bist heute in
der Erinnerung deiner Familie „lebendiger" als je zuvor.
Doch wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht
tot, der ist nur fern. Tot ist nur, wer vergessen wird.
Berlin, den 9. April 2004
Nachtrag:
Einige Wochen, nachdem ich den Brief an Anna geschrieben
hatte, sah ich den
Videofilm „Transport in den Tod"
und las verschiedene Dokumentationen über Grafeneck, vor
allem das Buch von Ernst Klee "Euthanasie" im
NS-Staat". Danach muss ich
einige Aussagen auf dieser Webseite korrigieren. Annas
Todesdatum war nicht der 23. April. Sie wurde wahrscheinlich
am 7. März 1940 ermordet. Die 317 Menschen (eine Begleiterin
des Transports spricht später auch von Krankenmaterial),
die man am 6. März 1940 von Bedburg-Hau aus nach Grafeneck
deportierte, haben die Anstalt nicht in Bussen verlassen wie
die überwiegende Mehrzahl der „Euthanasie"-Opfer. Man
brachte diesen Transport ausnahmsweise mit einem Sonderzug
nach Grafeneck. Der Zug war verdunkelt, denn es war Krieg.
Die Fahrt dauerte einen Tag und eine Nacht. Nach Aussagen
des Bahnhofsvorstehers von Marbach kam
der Transport gegen 8 Uhr morgens an. Das
Ausladen der 10 Waggons in dem völlig abgesperrten,
kleinen Bahnhof von Marbach dauerte 7 bis 8 Stunden bei
hohem Schnee. Bei Ernst Klee ist zu lesen, dass
die
Kranken vom Bahnhof mit Autobussen nach Grafeneck geschafft
wurden und laufend
bei ihrem Eintreffen getötet wurden. Der Leiter der
Exekutionsstätte, Dr. Schumann, beschwerte sich in Berlin, dass der Transport mit dem Sonderzug erstens erhebliches
Aufsehen erregt hätte und zwar sowohl in der Anstalt als
auch in der Bevölkerung. Zweitens, dass dieser überraschende
Anfall von so vielen Kranken das Tötungspersonal vor ein
kaum zu bewältigendes Problem gestellt hätte. Heute
wissen wir, dass das Problem mit unmenschlicher
Effizienz bewältigt wurde.
Innerhalb eines Jahres wurden 10.654 Menschen mit
geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen in
Grafeneck ermordet.
"Grafeneck ist der erste Ort systematisch-industrieller
Ermordung von Menschen im nationalsozialistischen
Deutschland überhaupt. Es steht somit am Ausgangspunkt
ungeheuerlicher Menschheitsverbrechen. Unterstrichen wird
diese Perspektive zusätzlich durch die spätere Übernahme des Mordverfahrens für den Mord an den europäischen Juden ebenso
wie durch die Tatsache, dass ein Viertel der Täter von
Grafeneck in den Vernichtungslagern des Ostens, wie Belzec,
Treblinka, Sobibor und nicht zuletzt Auschwitz-Birkenau
eingesetzt werden." Quelle:
http://www.gedenkstaette-grafeneck.de |
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Im Hintergrund
Schloss Grafeneck
©
Foto:
Klaus Diegel
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Gedanken von Unterwegs
Barbara Lipinska-Leidinger
Bedburg-Hau
Die leergewordenen Krankenzimmer
sind längst gelüftet
und neue Betten werden bezogen
aber das Rollen der Räder
vibriert in den Gleisen
unter dem Gras, das darüber gewachsen ist -
ganz leise |
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|
siehe
auch
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Gedenken an Anna
Folgen
dieser Seite, mit denen ich bei der ersten Veröffentlichung 2004
nicht gerechnet hätte:
Bedburg-Hau, 27. Januar 2009
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Mein
Dank gilt Frau Margarete
Ritzkowsky (http://www.suetterlin-service.de/),
die mir bei der Transkription der für mich teilweise
unleserlichen in Sütterlinschrift verfassten Krankenakte
geholfen hat. |
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