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Erinnerungsarbeit
»Das Vergessen der Vernichtung ist ein Teil der Vernichtung
selbst« Lebensgeschichten von Opfern der nationalsozialistischen
»Euthanasie« Bürgeraktion "Spur der Erinnerung - 70 Jahre Krankenmorde in Grafeneck"
„TOTGESCHWIEGEN, 1933 – 1945. Zur Geschichte der Wittenauer Heilstätten“
Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener (BPE)
Biografische Arbeit
Hans-Ulrich Dapp: Emma Z. Ein Opfer der Euthanasie
Martin, Daniela: Die Blumen haben fein geschmeckt - Das Leben meiner Urgroßmutter Anna L. (1893-1940) Wieand, Edward: Erna K. - "Mein Lachen ist Weinen." Kron-Treu, Lydia: Menschen im Ries: Eine Familiengeschichte in Zeiten der Unmenschlichkeit Kron-Treu, Lydia: Der zehnte Teil Breznik, Melitta: Das Umstellformat Warum haben wir sie nicht retten können?
Selting, Bernhard:
Dunkelmann,
Ruth A.: biografische Erinnerungsarbeit von Angehörigen in der presse Bunk, Alfons / Wendelsheim gedenkt des Todes von Karl Eugen Albus (neckar.chronik.de) Dunkelmann, Ruth A.: Karoline Bernhard (Lina) Köhler-Hertweck, Goswinde / Wer hat Onkel Ernst ermordet? (Stuttgarter Zeitung) Kosemund, Antje / Wie Irma Sperling wenigstens vor dem Vergessen gerettet wurde Wie Irma Sperling starb Deutschlandfunk 8.3.2011 Küchelmann, Hans-Christian: Traudis Erben (taz, 2010) van Hasseln, Gerhard / Vertuschung des Massenmordes - Hermine Stogniew (FAZ) Völker, Renate / Als arbeitsunfähig erachtet und ermordet (Stuttarter Nachrichten, 2010)
Lebensgeschichten von anderen autorEn/Innen Martin, Elke (Hrsg.): Verlegt, Krankenmorde 1940-41 am Beispiel der Region Stuttgart, Verl. Peter Grohmann, 2011, Bestellkarte Domes, Robert: Nebel im August - Die Lebensgeschichte von Ernst Lossa Hemmann, Tino: Hugo. Der unwerte Schatz. Erzählung einer Kindheit Krischer, Markus: Kinderhaus, Leben und Ermordung des Mädchens Edith Hecht Johanna Schweizer – Erst „seelengute“ Handarbeitslehrerin, dann „lebensunwertes Leben“ Sondermann, Regine: Kunst ohne Kompromiss: Die Malerin Elfriede Lohse-Wächtler 1899-1940 Der Heusel-Rein: Betzinger Eulenspiegel und Dorf-Unikum Heimkinder - Insassen hinter Mauern, Die Geschichte von Paul Brune |
Erinnerungsarbeit Gegen das Vergessen
Das
Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst.
Gesellschaftliche Erinnerungsarbeit nach 1945 Nachdem ich vor einigen Jahren erfahren hatte, dass meine Tante Anna Opfer der NS-„Euthanasie“ geworden war, begann ich Spuren ihres Lebens zu suchen. Erschreckt musste ich feststellen, dass die Erinnerung an Anna - nicht nur in ihrer Familie - ausgelöscht war. Vermutlich wüsste ich ohne dieses Schlüsselerlebnis immer noch genauso wenig über das Ausmaß der nationalsozialistischen Medizinverbrechen wie die Mehrzahl der Bevölkerung. Im Laufe meiner Erinnerungsarbeit fand ich heraus, dass Zwangssterilisation und "Euthanasie"-Verbrechen insgesamt aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft verdrängt worden waren und dass Tabuisierung und Verschweigen lange Zeit die geschichtliche Aufarbeitung und ein angemessenes Gedenken für die vielen hunderttausend Opfer der NS-Medizinverbrechen verhindert hatten. Natürlich habe ich mich nach dieser schockierenden Erkenntnis gefragt, warum das so ist und habe verschiedenen Antworten auf meine Frage gefunden. Ideologie und Praxis der nationalsozialistischen Rassenhygiene haben als historische Erfahrung in den betroffenen Familien und in der deutschen Gesellschaft Spuren hinterlassen. Das Verdrängen und Verschweigen in den Familien ist Spiegel des gesellschaftlichen Verdrängungsprozesses und vice versa. Die in weiten Teilen der Gesellschaft verankerte Akzeptanz rassenhygienischer (eugenischer) Maßnahmen führte dazu, dass sich die Diskriminierung der Opfer und ihrer Familien nach 1945 fortsetzte. Das Stigma eines „Erbleidens“ und die damit verbundene „Minderwertigkeit“ lösten in vielen Familien Scham aus und verhinderten jahrzehntelang – wie in meiner Familie - eine aktive Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Für viele obrigkeitsgläubige Menschen spielte sicher eine Rolle, dass Justiz und Verwaltung die Ermordung der geistig und körperlich Behinderten scheinbar legitimiert hatten. Auch wurde das Verschweigen der Verbrechen dadurch begünstigt, dass die Opfer in weiten Teilen der Bevölkerung als soziale Randgruppe gesehen wurden. Im Gegensatz dazu konnten die Täter, die überwiegend zu Berufsgruppen mit hohem Sozialprestige gehörten, oft unbehelligt und straffrei ihre Karrieren fortsetzen. Im Verlauf meiner Spurensuche habe ich manchmal gehört: "Was sollen die alten Geschichten! Lass doch die Vergangenheit ruhen!" Dem kann ich nur entgegnen: Ich halte es für eine moralische Verpflichtung, an die Menschen zu erinnern, die so unsäglich gelitten haben. Es ist richtig - niemand wird dadurch lebendig, aber indem man an die einzelnen Menschen und ihre Lebensgeschichten erinnert, indem man ihnen Namen und Gesicht zurückgibt, erweist man ihnen Respekt und Ehre, die ihnen jahrzehntelang verweigert wurden und gibt ihnen damit ein Stück ihrer Würde zurück. Der Prozess der Erinnerung beinhaltet jedoch mehr als Trauer und Gedenken an die Opfer. Die Aufarbeitung unserer Geschichte kann als Brücke zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bei der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft helfen, die zuallererst der Würde des Menschen verpflichtet ist. Der Blick auf die Vergangenheit zeigt, was passieren kann, wenn eine Gesellschaft Menschen nur nach ihrem „Wert“ und „Unwert“, also nach ihrem Nutzwert bemisst.
Doch je leistungsorientierter eine Gesellschaft ist, umso größer ist die Gefahr, dass sogenannte Randgruppen wie Behinderte, aber auch alte Menschen, Arbeitslose oder Migranten nur noch als wirtschaftliche Belastung angesehen und von einer angemessenen Teilhabe an der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Die NS-Medizinverbrechen waren Ausdruck einer bis zum letzten getriebenen Radikalisierung und Pervertierung weit verbreiteter Einstellungen und Haltungen gegenüber den „Behinderten" und „Andersartigen". Wer glaubt, dass solche Haltungen heute keine Rolle mehr spielen, der irrt. Die Medien überfluten uns tagtäglich mit Menschenbildern, in denen der schöne, starke, gesunde, junge Mensch zählt. Die enormen Fortschritte in der modernen Biomedizin und die damit verbundenen bioethischen Debatten (Sterbehilfe, Organzüchtung, „Kinder nach Maß“) machen die Definition allgemein verbindlicher, ethischer und rechtlicher Normen nötig. Es ist nicht immer einfach, eindeutig Position zu beziehen, zwischen Gut und Böse, zwischen Segen und Fluch der modernen wissenschaftlichen Errungenschaften zu unterscheiden. Bei der Bewältigung dieser schwierigen Aufgabe kann das historische Gedächtnis Hilfestellung leisten. Die Erinnerung an die schrecklichen Verbrechen, die damals – im Namen der Wissenschaft, von der Mehrheit der Bevölkerung geduldet - an den Opfern der NS-Medizinverbrechen verübt wurden, kann uns Maß und Orientierung für die heutigen Debatten bieten. Die Aufarbeitung der NS-Medizinverbrechen ist wichtig, um eine öffentlichkeitswirksame, breite Diskussion in unserer Gesellschaft anzustoßen. Es geht darum, Denkstrukturen, die bis heute latent vorhanden sind und die den Umgang mit Abweichung und Behinderung in Teilen der Gesellschaft bis in die Gegenwart bestimmen, zu erkennen und dagegen zu arbeiten. Indem wir die Mechanismen und Denkmuster besser verstehen, die zu einer derartigen Perversion menschlicher Moral und Handelns führten, können wir hoffentlich mit diesem Wissen rechtzeitig Alarmzeichen erkennen und so jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken. Die Erfahrungen der letzten Jahre lassen mich hoffen, dass die Zeit reif ist für einen veränderten Umgang mit der Geschichte. Eine neue Generation, nicht verstrickt in die Verbrechen, machte es beispielsweise möglich, dass Anna und die anderen Opfer aus Bedburg-Hau Namen und Gesicht wiederbekommen haben! In den Gedenkstätten der ehemaligen „Euthanasie"-Anstalten wird seit Jahren hervorragende Arbeit geleistet. In den letzten Jahren kamen verstärkt historische Forschung und Bildungsarbeit hinzu. So hat das Thema der NS-"Euthanasie" inzwischen auch Eingang in deutsche Geschichtsbücher gefunden. Das Schulbuch "Zeiten und Menschen" (Bd.3, Verl. Schöningh) behandelt zum Beispiel Annas Schicksal als exemplarisch für den Umgang mit Behinderten während der NS-Zeit Gedenkveranstaltung der DGPPN in berlin Ein gutes Beispiel für Erinnerungsarbeit ist die historische Gedenkveranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, die am 26. November 2010 im Berliner ICC stattfand. Prof. Frank Schneider benannte als Präsident der DGPPN erstmals offiziell die Verantwortung der Täter, drückte Scham und Trauer aus und bat die Opfer und ihre Familien um Verzeihung für das Leid und Unrecht, das ihnen im Namen der deutschen Psychiatrie angetan wurde. In seine Bitte um Verzeihung schloss er ausdrücklich das lange Schweigen, Verharmlosen und Verdrängen der deutschen Psychiatrie in der Zeit danach ein. Psychiatrie im Nationalsozialismus - Erinnerung und Verantwortung (Rede des Präsidenten der DGPPN, Prof. Frank Schneider). Es war eine glaubwürdige und bewegende Rede. Ich habe dort als Angehörige über die NS-„Euthanasie“ und Zwangssterilisation im Familiengedächtnis gesprochen. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass der Anstoß für gesellschaftliche Erinnerungsarbeit vor allem auf bürgerschaftliches Engagement zurückzuführen ist und häufig das Verdienst kleiner, lokaler Initiativen und einzelner Menschen ist. Stellvertretend seien hier genannt: Ruth Fricke vom Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener, die Bürgeraktion "Spur der Erinnerung", die unzähligen Stolperstein-Initiativen, der Bund der "Euthanasie"-Geschädigten und Zwangssterilisierten oder die Mitglieder des Vereins „TOTGESCHWIEGEN, 1933 – 1945. Zur Geschichte der Wittenauer Heilstätten“. Erinnerungsarbeit von Angehörigen Seit einigen Jahren rückt die Perspektive der Opfer und ihrer Angehörigen stärker in das öffentliche Blickfeld. Das hat vermutlich einerseits mit dem Generationenwechsel zu tun, der durch einen größeren zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen einen unbefangeneren Umgang mit dem Thema ermöglicht. Andererseits halte ich dies auch für eine Folge der vielfältigen Möglichkeiten von vernetzter Information und Kommunikation, die das Internet bietet. Seitdem ich 2004 Annas Lebensgeschichte im Internet veröffentlicht habe, bekomme ich immer wieder Zuschriften - darunter eine große Anzahl von anderen betroffenen Angehörigen. Es spricht für eine Veränderung der Erinnerungskultur, dass sich immer mehr Angehörige mit den Lebensgeschichten ihrer ermordeten Verwandten auseinandersetzen und ihre Familiengeschichten aufarbeiten. Nicht selten setzen sie sich damit gegen immer noch existierende Widerstände über die jahrzehntelange Tabuisierung des Themas in Gesellschaft und Familie hinweg. Der Umgang mit „Euthanasie“ und Zwangssterilisation in den betroffenen Familien ist teilweise bis heute geprägt von Unsicherheit (Ist die Krankheit erblich?), von Scham (Leben mit dem Stigma der „erblichen Minderwertigkeit“) und Schuld (Warum haben wir unsere Angehörigen nicht geschützt? Warum haben wir geschwiegen?). Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen! Schweigen und Verdrängen machen krank! Wer – wenn nicht wir als Angehörige – könnte glaubwürdiger bezeugen, dass die Opfer keine anonyme Masse waren?! Wer – wenn nicht wir – wäre besser geeignet, ihnen Gesicht und Namen zurückgeben? Indem wir die Anonymisierung aufheben, geben wir unseren ermordeten Verwandten ihre Identität und etwas von ihrer Würde zurück. Über das Gedenken hinaus können wir aber auch mit der Erinnerung an ihre Lebensgeschichten die Geschichte unserer Gesellschaft sichtbar machen und auf diese Weise vielleicht dazu beitragen, dass sich Derartiges nie wiederholen möge! Zurzeit entsteht mit der Internetplattform http://www.gedenkort-t4.eu ein virtuelles Mahnmal zum Thema NS-„Euthanasie“. Ein wichtiger Bestandteil soll die Erinnerung an Einzelschicksale von Opfern der „Euthanasie"-Verbrechen sein. Ich hoffe sehr, dass zahlreiche Familienangehörige dem dort veröffentlichen Aufruf folgen werden und über ihre Erfahrungen, ihre Familiengeschichten bzw. die Lebensgeschichten ihrer ermordeten Familienmitglieder berichten. Lassen Sie uns die Mauern des Schweigens und der Tabuisierung einzureißen! Lassen Sie uns Namen und Gesicht zeigen!Der Deutsche Bundestag Leider hat der Deutsche Bundestag sein 1999 anlässlich des Beschlusses über die Errichtung des Holocaust-Mahnmals gegebene Versprechen „der anderen Opfer des Nationalsozialismus würdig zu gedenken" noch immer nicht eingelöst. Obwohl es in der Gedenkstättenkonzeption des Bundes von 2008 heißt, dass der nationalsozialistische Mord an Behinderten zu unserem kollektiven Gedächtnis gehöre und Teil des nationalen Gedenkens sei, werden im Abschnitt über die besondere Situation der Hauptstadt Berlin nur das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, das Denkmal für die ermordeten Sinti und Roma erwähnt. Der Erinnerungsort für die Opfer der NS-Medizinverbrechen fehlt! Und das mehr als 70 Jahre nach Beginn der Krankenmorde und fast 77 Jahre nach Erlass des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, das Menschen mit Behinderungen zu den ersten Verfolgten des NS-Regimes machte. In den Gesamtkontext gehört auch, dass der Deutsche Bundestag das Erbgesundheitsgesetz erst 2007!! zu einem NS-Unrechtsgesetz erklärt hat, das mit dem Grundgesetz unvereinbar ist. Das Deutsche Parlament hat historische Schuld auf sich geladen, indem es dem Täter Werner Villinger als Gutachter des Wiedergutmachungsausschusses folgte. Villinger wendete sich vehement gegen eine finanzielle Entschädigung "seiner" Opfer und verunglimpfte ihr Begehren als "Entschädigungsneurose". Unfassbar - der Täter Werner Villinger erhielt später das Große Bundesverdienstkreuz! Den Opfern und ihren Angehörigen aber wurde über viele Jahre nach Kriegsende weiterhin Leid und Unrecht zugefügt. Am 27. Januar 2011, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, stimmten zwar alle Parteien einem Antrag zu Entschädigungsleistungen für Opfer der Zwangssterilisierung und der „Euthanasie“ in der Zeit des Nationalsozialismus zu. Doch das Plenum war fast leer und wieder einmal wurde die historische Chance vertan, die Opfer als rassisch Verfolgte anzuerkennen. So sind sie bis heute den anderen NS-Verfolgten nicht gleichgestellt. Es ist allerhöchste Zeit, das zu ändern, bevor die letzten direkt Betroffenen gestorben sind. Übertragung aus dem Deutschen Bundestag / 27.01.2011 YouTube Gefordert sind keine leeren Worte, keine Sonntagsreden und auch keine abstrakten Denkmale mit Symbolcharakter. Gefordert werden konkrete Schritte zur Aufarbeitung der Vergangenheit. Dazu gehört vor allem - das gilt auch für den geplanten "T4"-Ort in Berlin - Aufklärung und Information und damit eine breite gesellschaftliche Bewusstmachung des Geschehenen. Denn es gibt kein Verständnis von Gegenwart und Zukunft ohne Erinnerung an die Vergangenheit!
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