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Ännes letzte Reise

Eine dokumentarische Fiktion des Kinder- und Jugendtheaters Mini-Art in Bedburg-Hau

Ausgangspunkt ist das Schicksal von Anna

 

 

"Aennes letzte Reise"

von Ulrike Oeter

Bedburg-Hau 2006

(© Foto: De Gelderlander)

Aennes letzte Reise - Spurensicherung

Installation der Erinnerung von Ulrike Oeter


ArToll 2006 in Bedburg-Hau

 

„Aennes laatste reis liep via het gekkenhuis"

so lautete die Überschrift eines langen Artikels in der niederländischen Zeitung de Gelderlander. Auch in verschiedenen anderen Zeitungen fand die Ausstellung des Sommerlabors ArToll 2006 Beachtung. Das Kunstlabor findet seit 1994 einmal jährlich auf dem Gelände den Rheinischen Kliniken Bedburg-Hau statt.

2006 setzte sich die Künstlerin Ulrike Oeter, die durch meine Website auf das Leben von Anna (Änne) aufmerksam geworden war, mit ihrer Installation auf beeindruckende Art und Weise mit dem Schicksal der jungen Frau auseinander.

 

Raum der Stille

Im „Raum der Stille", einem ehemaligen Schlafsaal, der von alten Bettteilen durchspannt ist, erinnern eine kolorierte Photo-Projektion, durchleuchtete Insekten und zarte Papierobjekte an „Aennes letzte Reise".

Unbeschwert und fröhlich lacht die 17-jährige in die Kamera. Das nachträglich kolorierte Sommerkleid und das Pendant dazu aus hauchfeinem Papier fangen Sonne und Wärme ein, die Änne wohl an jenem Tag in der Geborgenheit des elterlichen Gartens empfunden hat. Die filigranen Papierobjekte (Kleid, Schuhe und Tässchen) sind von durchscheinender Leichtigkeit, sie wirken dabei fest und zerbrechlich gleichermaßen. Sie hätten dem jungen Mädchen sicher gefallen.

Wie konnte Änne zu diesem Zeitpunkt ahnen, dass sie bereits als „unwertes Leben" gezeichnet war. In Berlin hatten Nazi-Verbrecher (dazu gehörten Ärzte, Hochschullehrer und Anstaltsleiter) im Rahmen der „Euthanasie" Aktion mit einem roten Plus ihren Tod beschlossen. Ein blaues Minus hätte Leben bedeutet.

Das rote Kreuz (Plus), die überdimensionalen, beleuchteten Insektenkadaver und die Gitterteile der alten Betten stehen im krassen Gegensatz zu der Heiterkeit, die über der sommerlichen Szene liegt. Sie erschließen jenseits der Ästhetik des Gesamtkunstwerks erst auf den zweiten Blick, welches Ausmaß an Bedrohung, Angst, Ekel und Zerstörung Ännes Leben ausgemacht hat. Die toten Schmeißfliegen, Motten und Mücken von Bedburg-Hau erscheinen wie ein Synonym für Ännes furchtbaren Tod.

Nur wenige Jahre nachdem das Photo entstanden war, wurde Anna eingesperrt. Ihr Leben wurde nach drei Jahren voller Qual brutal ausgelöscht. Sie und ihre Leidensgefährten wurden vernichtet wie Ungeziefer. Man nannte es zynisch "Gnadentod" oder "Euthanasie".

Ich hoffe, dass der „Raum der Stille" die Besucher berührt hat. Damals ein Schlafsaal für viele Unglückliche - nun ein Raum der Erinnerung allein für Anna - ich bin sicher, sie hätte sich über so viel Aufmerksamkeit gefreut.

Gedächtnis auf Rädern von Ulrike Oeter

Gedächtnis auf Rädern
von Ulrike Oeter

Dank an Ulrike Oeter

Ich hatte Ulrike Oeter für ihre Erinnerungsarbeit mehrere Fotos von Änne zur Auswahl geschickt. Nachdem sie diese Web-Seite gesehen hatte, schrieb sie mir: „Lange hatte ich überlegt, welches Foto ich verwenden sollte: das niedliche Kinderfoto mit oder ohne Mutter, das Foto aus Mülheim, auf dem sie so verloren steht. Am Ende entschied ich mich für das frühe Foto mit der Freundin, weil sie dort so unbeschwert lacht. So fröhlich. So unversehrt. Und das wollte ich als Gegenbild. Das Unversehrte. Um die Stigmatisierung der Nazis zu unterlaufen. Das Versehrte war in den Motten und Insekten. Ich habe dabei ein wenig mehr verstanden wie meine Erinnerungsarbeit sein soll."

Ulrike Oeter geht seit Jahren den Spuren der Vergangenheit nach mit dem Ziel, nicht nur die Köpfe, sondern auch die Seelen der Menschen zu bewegen. Anlässlich ihres mobilen Straßenmuseums Gedächtnis auf Rädern sagte sie: "... denn wir lesen und wissen viel, aber wir begreifen es nicht." Die Künstlerin, die auch Historikerin ist, schafft es, Geschichte greifbar und damit begreifbar zu machen, indem sie den Opfern Gesicht und Namen gibt.

»Das Vergessen der Vernichtung ist Teil der Vernichtung selbst«. Für mich ergibt sich daraus die Verpflichtung, immer wieder zu erinnern. Vielleicht lässt sich dadurch etwas mehr Menschlichkeit und Verantwortung in Gegenwart und Zukunft bewirken.

In diesem Sinn geht mein Dank an Ulrike Oeter für ihre Erinnerungsarbeit.

Aennes letzte Reise

Dauerhafte Installation im Klinikmuseum Bedburg-Hau
seit Januar 2009

 

27.Januar 2009

- Rede von Dr. F. Leidinger

- Klever Wochenblatt  

- Rheinische Post

Bericht über das Klinikmuseum Bedburg-Hau

Appell nach dem Abbau der Installation

Da die Ausstellung 2006 zeitlich begrenzt war, konnte die Installation und damit die Erinnerung an Anna anschließend leider nur in Form von Photos dokumentiert werden.

Dazu war im Kurier am Sonntag vom 27.8.06 zu lesen:

„Man wünscht sich, dass dieser Raum als Mahnmal bleiben könnte. Seltsam ist die Vorstellung, dass er nach der Ausstellung wieder ausgeräumt werden soll.“

Ich appellierte an die Verantwortlichen für das Museum der Rheinischen Kliniken Bedburg-Hau, sich dafür einzusetzen, Ulrike Oeters Installation „Aennes letzte Reise" in das Klinikmuseum zu integrieren, um Aenne wenigstens ein kleines Stück späte Gerechtigkeit widerfahren zu lassen!

Frau Dr. Brill, die ärztliche Direktorin der Klinik, setzte sich sehr dafür ein, "Aennes letzte Reise" in das Museum zu integrieren. (siehe Klever Wochenblatt)

Am 27. Januar 2009 war es soweit: Die Installation "Ännes letzte Reise" wurde von der Klinik erworben. So ist Annas Gesicht nun dauerhaft - stellvertretend für alle Opfer - im Klinikmuseum zu sehen.

Mein Dank gilt allen, die sich dafür eingesetzt haben!


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